Akustisches Trauma

Ein akustisches Trauma (AT) ist charakterisiert durch starken Hörverlust nach langer Exposition gegenüber erhöhter Geräusch- und Lärmpegel oder nach einem einzelnen Ereignis mit extrem hohem Lärmpegel. AT zeigt sich oft zuerst durch Tinnitus, der auch den weiteren Krankheitsverlauf begleiten kann. AT führt zu irreversiblem Gehörverlust, kann aber durch die Vermeidung lauter Umgebung sowie durch das penible Tragen von Ohrenschützern bei Tätigkeiten mit hoher Lärmbelastung vermieden werden. Die Behandlung von AT muss auf die Bewahrung der noch vorhandenen Hörleistung besonderes Augenmerk legen.

Die Krankheit betrifft den folgenden Prozess: Strahlung.

Symptome

Das Hauptsymptom eines akustischen Traumas (AT) ist progressiver Hörverlust, der oft von starkem und möglicherweise chronischem Tinnitus begleitet wird. Der Hörverlust beginnt bei AT üblicherweise im erhöhten Frequenzbereich und breitet sich im Verlauf der Krankheit auf niedere Frequenzen aus. Folgende Konsenskriterien sind bei der quantitativen und qualitativen Untersuchung des Abfalls der Hörleistung infolge von AT allgemein anerkannt [1]: im Hochfrequenzbereich beträgt der Hörverlust maximal 75 dB, im Niederfrequenzbereich maximal 40 dB. Der Hörverlust ist für Frequenzen größer als 3-5 kHz stärker ausgeprägt als für Frequenzen zwischen 0.5 und 2 kHz. Zudem zeigt sich oft ein spektral streng lokalisierter Hörverlust rund um 4 kHz. Die Hörleistung nimmt konsistent ab, solange der Patient Lärm ausgesetzt ist, und sie stabilisiert sich bei langfristiger Lärmbelastung nach ungefähr einem Jahrzehnt, wobei der Hörverlust im späteren Krankheitsverlauf langsamer voranschreitet. Hörverlust durch AT ist immer irreversibel, immer sensoneural begründet und fast immer bilateral.

AT kann auch in einer akuten Manifestation auftreten, wenn der Patient seine Ohren bei Explosionen, lauter Musik oder bei Schusswechseln nicht geschützt hat [2].

Üblicherweise bemerken Patienten AT zuerst einen Tinnitus, bekommen im Krankheitsverlauf immer mehr Schwierigkeiten beim Verfolgen von Unterhaltungen und haben das Gefühl ihr Ohr wäre nach einer Episode mit erhöhter Lärmbelastung verstopft. Wird AT über lange Zeit ignoriert, kann der Verlust der Hörleistung schwere und nachhaltige Folgen für das Sozialleben und für die mentale Gesundheit des Patienten haben. In diesem Zusammenhang wurden Depressionen, soziale Isolation, Paranoia, ein schwaches Selbstwertgefühl [3] [4] [5] [6] sowie Beziehungsprobleme [7] [8] und jobbezogene Existenzängste [9] beobachtet.

Diagnostik

Der erste Schritt für eine Diagnose von AT ist ein detailliertes Patientengespräch, um den Lebensstil und die Lebensumstände des Patienten zu analysieren. Besonderes Augenmerk ist in diesem Zusammenhang auf die gegenwärtige und auch vergangene berufliche Tätigkeit des Patienten zu legen, die möglicherweise eine erhöhte Lärmexposition mit sich gebracht haben, wie z.B. Tätigkeiten in der Schwerindustrie, in der Musikindustrie [10]. Zudem kann der Patient auch in der Freizeit oder durch seine Hobbys bzw. Gewohnheiten einer regelmäßigen erhöhten Lärmbelastung ausgesetzt sein, z.B. durch das Hören von Musik oder das Verfolgen des Fernsehprogramms bei großer Lautstärke. Sportschützen, Soldaten und Veteranen können durch ihren regelmäßigen Waffengebrauch ebenfalls hohen Lärmpegeln ausgesetzt (gewesen) sein [2]. Wenn der Patient in der unmittelbaren Vergangenheit Zeuge eines extrem lauten Vorfalls war, z.B. einer Explosion, kann eine akute Manifestation von AT vermutet werden.

Der nächste Schritt besteht in einer routinemäßigen klinischen Untersuchung des Ohrs, speziell des Trommelfells und des äußeren Gehörgangs um andere Erkrankungen, die zu Gehörverlust führen könnten, ausschließen zu können. In seltenen Fällen kann auch eine neurologische Untersuchung überlegt werden.

Ein audiometrischer Test liefert für die Diagnose von AT wertvolle weitere Erkenntnisse. Eine reintonaudiometrische Untersuchung in den Standardoktaven mit einem Hauptaugenmerk auf dem Frequenzbereich rund um 3 kHz sollte unbedingt durchgeführt werden. Zudem sollten für beide Ohren die Sprachwahrnehmungsschwelle gemessen werden. Um bei Patienten im Verdachtsfall eine Pseudohypoacusis ausschließen zu können, sollten objektivere Tests wie z.B. eine hirnrindenaudiometrische oder eine hirnstammaudiometrische Untersuchung zur Unterstützung der Diagnose angeordnet werden [11] [12].

Therapie

AT ist nicht heilbar. Je früher die professionelle Behandlung beginnt, umso wahrscheinlicher wird die Bewahrung noch vorhandener Hörleistung [13].

Der Hörverlust kann durch die Verschreibung adäquater Hörgeräte kompensiert werden. Der weitere Verlauf von AT kann durch konsequenten Gehörschutz, der bei Arbeiten mit erhöhter Lärmbelastung auch von Arbeitgebern zu stellen ist, vollkommen unterbunden werden. In schweren Fällen kann es für einen Patienten unumgänglich werden die Zeichensprache zu erlernen. Die noch vorhandene Hörleistung sollte durch regelmäßige audiometrische Untersuchungen überprüft werden. Patienten sollten ihre tägliche Lärmbelästigung bewusster wahrnehmen und auch messen, um zum passenden Zeitpunkt Schutzmaßnahmen ergreifen zu können. Die konsequente Vermeidung von Lärmquellen, die lauter als 85 dB sind, ist die beste Methode um sowohl den weiteren Verlauf als auch den Beginn von AT zu verhindern.

Bei einer akuten Manifestation von AT wurden viele positive Erfahrungen mit der intravenösen Verabreichung von Sermion und Cavinton gemacht, welche Tinnitussymptome schnell und effizient gelindert haben [14]. Magnesiumpräparate können bei bereits diagnostizierter akuter AT ebenfalls Tinnitussymptome lindern und bei Menschen möglicherweise auch die noch vorhandene Hörfunktion stabilisieren [15]. Eine hypobare Sauerstofftherapie kann bei gleichzeitiger Verabreichung von Kortikoidpräparaten ebenfalls bei der Behandlung von akuter AT eine rasche Linderung bringen [16]. Experimentelle Behandlungsmethoden mit AM-111, einem Liganden für c-Jun N-terminale Kinasen, sowie mit Stammzellen haben in Modellversuchen vielversprechende Resultate gezeigt [17] [18].

Prognose

Der durch AT verursachte Hörverlust ist irreversibel. Die einzige Möglichkeit weiteren Hörverlust zu vermeiden ist die Vermeidung von Lärm. Ist der Lärmschutz unzureichend bzw. wird er vom Patienten nicht ernst genommen, kann die Verwendung eines Hörgeräts oder auch das Erlernen der Gebärdensprache unumgänglich werden.

Ätiologie

Der Grund für die Manifestation von AT liegt in langanhaltender Lärmexposition über 85 dB, die sowohl im Arbeits- als auch im Privatleben passieren kann, oder im Fall von akuter AT am ungeschützten Beobachten von Explosionen aus nächster Nähe. Ein kontinuierlicher Lärmpegel von 100 dB kann zu einer Höreinschränkung von bis zu 19 dB führen, wenn der Patient diesem Pegel über vier Jahrzehnte ohne Lärmschutzmaßnahmen ausgesetzt ist.

Ungeschützte Benützung von Alltagsgegenständen, z.B. Laubbläsern, Rasenmähern, Kettensägen oder Motorrädern kann auch zu langsam voranschreitender AT führen; Rockkonzerte können sowohl bei Musikern als auch bei Konzertbesuchern AT verursachen [10].

Epidemiologie

AT wird in hoch entwickelten Ländern zunehmend seltener, denn Arbeiter wurden bei lärmreichen Tätigkeiten erfolgreich dazu angehalten, dass Lärmschutz für die Bewahrung ihrer Gesundheit zwingend notwendig ist [19]. AT kommt in weniger entwickelten Ländern häufiger vor. Männer leiden häufiger an AT als Frauen, was entweder an einer erhöhten akustischen Sensibilität oder an einem erhöhten ungeschützten Lärmpegel im Alltagsleben der Männer liegen kann. Man kann in jedem Lebensalter an AT erkranken, einzig die (chronische) Lärmbelastung ist ausschlaggebend [20]. In den USA wird der Anteil der Bevölkerung, die durch ihren Lebensstil ein erhöhtes Risiko haben an AT zu erkranken, auf fünf bis zehn Millionen Menschen geschätzt [21].

Geschlechtsverteilung
Altersverteilung

Pathophysiologie

Tierexperimente lassen Rückschlüsse auf pathologische Veränderungen im Ohr infolge erhöhter Lärmbelastung zu. Einerseits kann lauter Lärm die Anatomie der Stereocilia der inneren und äußeren Haarzellen krankhaft verändern und zu Rissen in der Reißner'sche Membran führen. Direkt nach dem Schallimpuls können sich Ödeme in der Stria vascularis ausbilden. Lauter Lärm kann auch eine Immunreaktion im Innenohr zeitigen, die sich durch kochleäre Entzündungssymptome und signifikanter Migration von Leukozyten ins Innenohr auszeichnet [22].

Schallwellen mit hoher Intensität schädigen die Stereocilia der Haarzellen, was zu einem teilweisen bis hin zum kompletten Verlust Haarzellmechanoexzitabilität führen kann. In extremen Fällen kann der Verlust des Stereociliums eine Haarzelle apoptotisch werden lassen [23]; die abgestorbenen Haarzellen werden daraufhin von umliegenden epithelialen unterstützenden Zellen phagozytiert [24].

Prävention

AT kann als Krankheitsbild komplett verhindert werden. Eine allgemeine Bewusstseinsbildung für das Problem des Lärmschutzes und die schädlichen Nebenwirkungen erhöhter und langanhaltender Lärmbelastung ist unablässig. Lärmschutzmaßnahmen können einerseits die Vermeidung lauter Lärmquellen und andererseits das Tragen von Ohrenschützern sein, wenn eine Vermeidung nicht möglich ist. In diesem Zusammenhang sind regelmäßige quantitative Lärmmessungen im Alltagsleben ratsam, um im richtigen Moment Schutzmaßnahmen ergreifen zu können.

Zusammenfassung

Ein akustisches Trauma ist eine Erkrankung, die durch irreversiblen Hörverlust charakterisiert ist, welcher im Normalfall durch den Lebensstil determiniert ist. Das akustische Trauma geht oft mit stark ausgeprägten Tinnitussymptomen einher und könnte durch adäquate Lärmschutzmaßnahmen wie Ohrenschützer komplett verhindert werden. Akute Tinnitussymptome können bei einem akustischen Trauma effizient behandelt werden, während der Hörverlust langfristig bestehen bleibt. Akute Symptome sind umso effizienter behandelbar, je früher der Patient mit einer Behandlung beginnt. Patienten sollten die negativen Nebenwirkungen erhöhter Lärmbelastung dargelegt werden, sodass sie im richtigen Zeitpunkt Schutzmaßnahmen ergreifen bzw. laute Umgebungen mit mehr als 85 dB Lärmbelastung generell meiden lernen. Hörhilfen können zur Kompensation des diagnostizierten Hörverlusts zum Einsatz kommen. In extremen Fällen könnte es für den Patienten ratsam sein die Gebärdensprache zu erlernen.

Patientenhinweise

Ein akustisches Trauma erfolgt infolge einer lang andauernden ungeschützten Lärmbelastung oder nach sehr lauten und traumatischen Einzelereignissen wie z.B. Explosionen. Wenn Sie permanent hohe Töne hören oder in Gesprächen Ihrem Gegenüber immer schwerer folgen können, sollten Sie professionelle Hilfe suchen. Sie sollten Lärm unbedingt und zu allen Zeiten meiden um weiteren Hörverlust zu verhindern oder sich bei Lärmbelastung adäquat schützen. Infolge der professionellen Betreuung kann das Tragen von Hörgeräten oder das Erlernen der Gebärdensprache notwendig werden.

Selbsttest

Quellen

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